Eine Ode an den Löwen zu Bümpliz

Illustre Momente der Gemeinsamkeit

von

Manuskript von und zu Bümpliz
von Anders Anders

Unter dieser Rubrik schreibt das Bümplizer Urgestein Anders Anders in regelmässig unregelmässigen Abständen Liebesgeschichten an seine Wiege- und Windelstätte. Beruhend auf nebulösen Erinnerungen und durchtränkter Fiktion zollt er Orten, Figuren und Lebensarten des gemeinen Bümplizers gebührenden Tribut.

Der Löwen stand altehrwürdig im Zentrum von Bümpliz. Der Löwen war ein Tempel, eine Zufluchtsstätte, eine Beichtstube, ein Tollhaus, ein Sumpfloch, ein Hort der Ketzerei und ein Freudenhaus. Der Löwen war ein Kultobjekt und ein Schandfleck, eine Sauerei und ein Heiligtum zu gleich. Er war die Hauptschlagader und die Achillessehne der Ortschaft. Er war das berührende Herz und das schlechte Gewissen, die kaleidoskopische Netzhaut und der blinde Fleck, der wohlige Uterus und der drückende Darm in Einem.

Sanftmütig bröckelte er, von aussen als heruntergekommene Beiz getarnt, der Neuzeit entgegen. Die morsche, hölzerne Hülle isolierte das sündig-frivole Innern vom Leben draussen vor der Tür. Taglöhnern, Büezern, Schiffbrüchigen, Alkoholikern und Besessenen, Vagabunden und Halunken, Prostituierten und Freiern, Pickelgesichtern und Greisen, Zicken und Hengsten, armen Hunden und Pleitegeiern, Tunichtguten und Möchtegernen, aber auch Künstlern und Maklern, Heini Müllers und Susi Meiers war er ein Daheim.

Zwischen den beiden Kastanienbäumen hindurch schlurfend - das transformierende Geräusch der knirschenden Kiesel unter den Sohlen - passierte man die Schleuse vom Diesseits und evolvierte ins druck- und zeitlose Vakuum der Gaststube. Die schummrige Seele der Spelunke bestrahlte mit ihrem eigentümlichem Fluidum den über-die-Schwelle-tretenden Holdrio und versetzte ihn durch die Klangfarben eines Geräuschteppichs aus Holeien, Gepruste, Geklirre, Gemurmel, Gefluche, Schäkerei und Schenkelklopferei in einen abseitigen Schwebezustand.

Natürlich sassen da, fast immer, die Immergleichen vor ihren immer gleichen Getränken, die einander mit den fast immer gleichen Sprüchen, immer gleich, auf den Wecker gingen und zur immer gleichen Zeit zahlten und sich verabschiedeten. Ja, das stete Seufzen des Rainbow-Wernis über die unappetitliche und vor sich hingammelnde Fleischware, welcher er tagtäglich die Chübelis, Stangen und Ballöndlis zu servieren hatte, wurde nur selten durch eine knackige Ladung «Frischfleisch» unterbunden. Zum Leid des Kellners kamen die pubertierenden Block-Jungs auch nur freitags nach Feierabend. Zumindest ein Jüngling, so hoffte Werni inbrünstig, möge noch kein stabiles sexuelles Ich entwickelt haben, trotz der unablässigen Flachlegprotzerei der Seinesgleichen, und möge sich in Tat und Wahrheit als ein potentieller Kandidat für sein Couchsofa entpuppen. Es sei somit also nicht verschwiegen, dass in den altväterischen Gemäuern der Knelle durchaus eine gewisse Monotonie der Sinnfragen und Verhaltensformen alltäglich ihren trivialen Lauf nahmen (Anmerkung des Autoren: Der Löwen war an 365 Tagen im Jahr geöffnet).

Trotzdem erheiterten hinter den dunklen Vorhängen der Wirtschaft auch immerfort illustre Momente der Gemeinsamkeit die gästsche`Seele. Dem Alkohol zugewandt driftete man mit dem Tischgenossen in flowdurchtränkte Gespräche, die einem in unbekannte Sphären der Vielfalt menschlicher Daseinsformen und der mannigfachen Weltanschauungen überführten. Um in einen solchen Zustand zu verfallen, bestand die unausgesprochene Regel darin, die eigenen Werte und Prinzipien nicht zu hoch zu halten und dem Diskutanten vis-à-vis, statt in Stiefeln zu hohem Ross, barfüssig mit Maultier zu begegnen. Viel eher tat man gut daran einander gegenüber zu sitzen, zuzuhören, zuzuprosten, dann und wann ein Nächstes zu bestellen (gar zu berappen) und so den Gang des Disputes weiter zu nähren. Denn was nutzte es dem Linken oder dem Rechten, dem Städter oder dem Ländler, dem Wissenschaftler oder dem Esoteriker den jeweils Anderen in seiner Haltung zu belächeln? So führte doch gerade das Wissen um die Unvollkommenheit seiner eigenen Argumentationen nicht zu einseitigen Monologen und Belehrungen, sondern wahren Dialogen. Auch wenn man sich uneins blieb, was durchaus das hohe Gut des geistreichen Ambientes zu beflügeln vermochte, so drang beim Gegenüber, allenthalben, ein klitzekleines Molekül andersartiger Gesinnung in seine Gedankengänge vor und vermochte sich dort mit winzigen Spike Proteinen an der konträren Geisteshaltung anzudocken. So kam es allenthalben immer wieder zu freigeistigen Begegnungen allerart, in welchen der Künstler mit dem Schreiner über bedröhnende Düfte verschiedener Holzleime, die Lehrerin und der Gärtner über die Gemeinsamkeit von Kindern und Setzlingen oder die Coiffeur-Lehrtochter und der Banker über erotische Schuld und Sühne sprachen.

Betrat man die Wirtschaft über den Parkplatz, vorbei an den aufgemotzten Motorrädern, die sich dort haufenweise, wie Pferde vor einem Saloon des wilden Westens reihten, öffnete sich die von Zigarettenqualm und Grasdüften getünchte zweite Dimension der baufälligen Schänke. Aus dem Nebel, von fahlem Licht gezeichnet, trat ein langer Tisch hervor, der von einem Brandloch übersäten Tischtuch geschmückt war und an dessen Rund sich ein Wust an kauziger Gesellschaft in Lederjacken und Hippiefummeln tischte. Umgarnt von AC/DC-, Motörhead-, Legalize-it- und Bob Marley- Flaggen stand das Herzstück der Vielsamkeit, die verdienstvolle Jukebox, aus welcher zu jeder Tages- und Nachtzeit, einem ewigen Refrain gleich, Zeit überlebende Melodien abgespielt von rauschend, kratzigen Singles hallten: «Riders on the storm.. into this house, we're born.. into this world, we're thrown». Und schmälerte doch dann und wann, vielleicht ein melancholischer Novemberrain, die Glückseeligkeit des Gemüts, so verhalf doch, ab und an, der Schamane, zuhinterst in der dunklen Ecke sitzend, dem Schwermütigen mit Kraut und Rüben zu erhellender Stimmung und Harmonie.

Inmitten dieser Eigenheit schwebte Hellens Mikrokosmos. Unter den kutteltragenden Bikern und Rockern auch «Höllen» genannt - was sich im Übrigen mehr auf ihr toxisches Äusseres als ihr Wesen bezog- schwirrte ihr blonder Zopf wie ein heller Kometenschweif durch die dunkle Materie des Raumes. Hellen war nicht von dieser weiblichen Gattung, wie sie oft in überbemännerten Lokalen zu finden sind und mit mannhafter Statur, üppigem Busen, rauher Stimme und überproportioniertem Gesäss in eng, verwaschenen Bluejeans über die männliche Kundschaft regierte. Sie gebot dem triebhaften Treiben nicht durch unablässiges Fluchen und mürrisches Knurren Einhalt . Hellen war eine Perle im Gedärm, ein Seifenmolekül in der Kloake, ein Duftbäumchen in den Rauchschwaden. «So, du grusige Siech, trinksch no öppis?», «U de rote Zingge, wo blibt itz Pointe zu dim Gliir?» oder «Arms Häsli, trink nid so viu, süsch muesch anduurend dis chline Schwänzli ga schüttle»: Mit stählerner Schlagfertigkeit und messerscharfen Sprüchen zwang sie auch den allerwichtigsten Bikerboss in die Knie und sänftige so manchen Fluch und Hader zwischen zänkischen Gockeln. “I never opened myself this way…Life is ours, we live it our way…All these words, I don't just say…And nothing else matters”: Mit anmutenden Tänzchen und graziösen Poschwenkereien, das volle Tablett jonglierend, liess sie singend das Fegefeuer zwischen angetrunkenen Hitzköpfen durch ihre Engelsstimme erlöschen, liess manch einen Entmutigten innerlich wieder auferstehen, wandelte manch einen Vergrämten zum Sanftmütigen und liess manch einen Starrkopf Kleinlichkeit und Vorurteile vergessen. So ward abends wie morgens Hellen der sichere Anker aufkeimender Zwietracht und stillende Busen der Eintracht.

Ja, so- in etwa- oder zumindest ähnlich, so erzählt man sichs, müsste das gewesen sein.

Heute steht da, die letzte echte Bastillion des Pluralismus eingenommen, tatsächlich ein Polizeirevier. Und wo ist Hellen? Sachdienliche Hinweise, die zur Klärung des Aufenthaltsortes der Gesuchten dienen, bittte dringend an Bumpliz.ch richten.

 

Das Gasthaus zum Löwen stand in Bümpliz im Bachmätteli an der Stelle des heutigen Polizeigebäudes von 1850-2003.

News - 03.09.2021 - Löwen Bümpliz

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Kommentare von User für User

06.09.2021 | Röfe W.
Danke dem Schreiber für dieses Gedicht, welches mich in alten Zeiten schwelgen lässt.